Europäischer Salon
27. September 2022, 18:30 Uhr
Veranstaltungsort: buchhandlung + antiquariat, Stresemannstraße 28, 10963 Berlin


In unserem „Europäischen Salon“ sind wir mit Prof. Dr. Jan C. Behrends, Professor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, im Rahmen unseres Projektes „Transformation der Erinnerung – Transformation der Aufarbeitung“ der Frage nachgegangen, wohin Osteuropa über dreißig Jahre nach dem Mauerfall und angesichts des Ukrainekrieges heute steuert.

 

 

Mit den Revolutionen des Jahres 1989 setzten sich in den ost- und mitteleuropäischen Ländern Freiheit und die demokratische Lebensweise durch. Im Herbst 89 herrschte Euphorie, viele Jahre noch Optimismus. Doch es mussten auch die Mühen der Ebene durchschritten werden, die von breiter Verarmung und hartem Strukturwandel gekennzeichnet waren, im Osten Europa auch von Manchesterkapitalismus und in Jugoslawien von Krieg. Eine Nostalgie für die sozialistische Epoche war bald weit verbreitet.

Es etablierte sich eine neue Friedensordnung, bei der alle Rückschläge und Gewalteskalationen für die Bewohner West- und Zentraleuropas als regionale, lokale Probleme erschienen. Sowohl die Despotie als auch der Krieg schien irgendwie „weit weg“, Ordnungen von Recht und Freiheit wirkten bis in den postsowjetischen Orbit hinein gesichert. Aber haben wir Russland und seine Nachbarn wirklich genau beobachtet? Schien uns die Friedensordnung zu sehr gesichert, so dass wir sie verspielt haben? Waren wir „im Westen“ einfach auch zu ignorant und haben gar nicht mehr richtig hingesehen, uns nicht mehr interessiert?

Die Zeitenwende durch den Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 ist das Ende einer Welt, in der wir friedlich lebten. Wir wissen nicht, was aus diesem historischen Einschnitt folgen wird, die Ängste und Ungewissheiten sind groß. In jedem Fall aber ist das Resultat eine tiefe Erschütterung und Infragestellung von vertrauten Gewissheiten, die so selbstverständlich waren.

Was ist von den Demokratiebewegungen der Epochenwende im Ostblock 30 Jahre später geblieben? Was ist aus den damaligen Hoffnungen und Visionen geworden? Wie viel ist von dieser erkämpften Freiheit in vielen osteuropäischen Staaten übrig? Wo wird auch heute noch für diese Freiheit gekämpft? Wo sind heute neue Demokratiebewegungen sichtbar und können Europa befruchten?

Wenn wir den Blick auf die historischen Situationen richten und konkret die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Folgewirkungen in den Fokus nehmen, uns  mit den Folgen der Spaltung auseinandersetzen, den Erschütterungen, Revolutionen und Veränderungen der letzten 30 Jahre nachspüren, dem Krieg in der Ukraine, wo stehen wir heute?

Über „Transformation der Erinnerung – Erinnerung der Transformation“ wollen wir mit Jan C. Behrends ins Gespräch kommen.  Am Ende des Vortrags kommen wir unter der Gesprächsleitung von Klaus-Jürgen Scherer ins Gespräch. Sie sind herzlich eingeladen mit uns zu diskutieren.

Jan C. Behrends, Historiker und Hochschullehrer an der Universität Viadrina Frankfurt/Oder. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Zeitgeschichte Osteuropas, Stadtgeschichte, europäische Diktaturen, Gewaltforschung und die post-sowjetische Zeit. Im März 2022 wurde Behrends, der am ZZF in Potsdam arbeitet, auf eine Sonderprofessur an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder berufen. Am 16. Mai 2022 hielt er dort seine Antrittsvorlesung über „Das Ende der postsowjetischen Epoche oder die Bedeutung der 1990er Jahre für das 21. Jahrhundert“, in der er den russischen Angriff auf die Ukraine vom 24. Februar 2022 als Ende der post-sowjetischen Epoche bezeichnete.

Klaus-Jürgen Scherer (*1956), Dr. phil., Diplompolitologe, war u. a. langjähriger Geschäftsführer des Wissenschafts- und des Kulturforums der Sozialdemokratie. Seit 2007 Redaktionsmitglied Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte. Geschäftsführender Vorstand der HDS e. V. und leitender Redakteur der Halbjahreszeitschrift perspektivends.

Impressionen

Bilder: Marco Urban. www.marco-urban.de,