Am 18. November 2020 fand unser „Blickwechsel“ mit Lale Akgün und Adrian Gillman unter Moderation von Markus Frenzel online statt.
Mit den AutorInnen Lale Akgün und Adrian Gillmann des Buches “Säkular. Sozial. Demokratisch – Ein Plädoyer für die Trennung von Religion und Politik““ diskutierten wir in unserem „Blickwechsel” darüber, welche Rolle Religion bei den Identitätspolitiken Europas spielt.

Lale Akgün und Adrian Gillmann gingen an dem Abend der Frage nach, wie es um das Verhältnis zwischen Religion und Staat bestellt ist. Der Staat muss Religions- und Weltanschauungsfreiheit gewährleisten und religiös-weltanschauliche Neutralität praktizieren. Er darf sich nicht inhaltlich mit einer bestimmten Religion oder Weltanschauung identifizieren. Der Diskurs um Identitätspolitiken auch in Europa nimmt immer mehr zu.

Wir diskutierten Fragen nach der Zusammensetzung von Identitäten und welche Rolle Religion dabei spielt. Und wie reagiert Politik auf die Ansprüche der Identitätspolitiken, vor allem, wenn es um religiöse Gruppen geht. Auf der anderen Seite: Wie sieht es in Europa mit dem Respekt und der Toleranz gegenüber Andersgläubigen und Menschen ohne religiöse Bindung aus? Kann nur ein säkularer und weltanschaulich neutraler Staat einen nachhaltigen Frieden unter den Religionen herstellen und seinen Bürgerinnen und Bürgern Freiheit und Gleichheit garantieren? Oder wird der Staat angesichts der Polarisierung der Identitätsfragen die Säkularität zurückfahren? Welche Zukunft erwartet Europa angesichts zunehmender religiöser Pluralität?

Auch die jüngsten islamistischen Terroranschläge haben wir diskutiert, da sie uns das Problem religiösen Extremismus in Europa brutal vor Augen geführt haben. Europa muss grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Staat, Kirche und Gesellschaft beantworten.

Lale Akgün hat erneut ihre differenziert-kritische Haltung zum Thema “Islam und Säkularität” deutlich gemacht. Sie besteht aus dem Einklang von Rechtsstaatlichkeit und Säkularität, dem Islam wie dem Katholizismus gegenüber. Eine solche Denkperspektive fehlt in der öffentlichen Kontroverse.
„Ob in den USA Trump sich demonstrativ mit der Bibel präsentiert, in Polen die PiS „zur Verteidigung der Kirchen“ aufruft oder in der Türkei Erdogan sich „wegen Beleidigung des geliebten Propheten“ echauffiert; die Instrumentalisierung der Religion zur Durchsetzung eigener politischer Ziele ist unübersehbar. Um das zu verhindern gibt es nur eine Möglichkeit: strikte Trennung von Religion und Staat. Religion ist Privatsache!“ sagt Lale Akgün. Sie sagt weiter: „Islam und Demokratie sind in einem säkularen Staat miteinander vereinbar – in einem religiösen nicht.“

Adrian Gillmann machte unter anderem klar, dass „wir klar zwischen den AnhängerInnen der Religionen und ihren Institutionen unterscheiden müssen.“ „Das Demokratiedefizit der katholischen Kirche ärgert auch viele gläubige Katholikinnen und Katholiken“.

„Identitäre Religion betreibt immer ein Nullsummenspiel und will den Menschen idealiter zu 100% als Gläubigen erfassen. Dies physisch, psychisch und sozial. Da dies immer ein Wunschtraum bleibt, werden alle Alternativen oder Abweichungen als Verlust des wahren, einzigen oder erlösenden Glaubens angesehen und müssen bekämpft werden. Darunter leiden liberale wie spirituelle Formen von Religion ebenso, wie die freiheitliche-plurale Gesellschaft“, so Gillmann.
Wir gingen des Weiteren der Frage nach, welche Rolle Religion bei den Identitätspolitiken Europas spielt. Hier wurde mit einigen Missverständnissen um die Begrifflichkeiten „Säkularität” und „Laizismus” aufgeräumt. Wer dachte, Säkularismus fehle Leidenschaft, konnte sich auf jeden Fall eines Besseren belehren. Für Lale Akgün ist „Säkularität keine Weltanschauung, sondern eine politische Haltung“. „In Polen und Ungarn bestimmt auch die Religionszugehörigkeit, wer als der „bessere Pole“ oder „bessere Ungar“ gilt. So wird Religion wieder ein Identitätsmarker in Europa“, so Gillmann.

Danke für den spannenden und diskutierfreudigen Abend zur Rolle von Religion bei den Identitätspolitiken Europas und der damit verbundenen Suche nach Lösungsansätzen für die Herausforderungen der heutigen Zeit.