In unserem „Europäischen Salon“ online am 17. März 2022 haben wir ein Gespräch mit Robert Misik über 1989 – die Vergangenheit einer Illusion und die Euphorie des Herbstes ’89 bis zum Putin-Schock und dem Ende der Friedensordnung geführt.

Robert Misik ist Wiener Autor und Journalisten, der nicht nur ein Analytiker internationaler Politik ist, sondern in dem Fall auch „Zeitzeuge“. Als junger Reporter berichtete er in den Jahren 1989-1991 über die Revolution in Prag, die Wende in der DDR, er berichtete aus Moskau (etwa vom letzten Parteitag der KPdSU), von den ersten freien Wahlen in Polen und Rumänien, er traf Gorbatschow, Havel, Dubcek und viele andere. Robert Misik war vor Ort, als in Europa die Kommunistischen Machthaber gestürzt wurden. Wir haben versucht mit ihm die Revolution von 1989 und die aktuelle Lage in Mittelosteuropa zu analysieren und zu beleuchten. Wir haben mit ihm über seine Erinnerungen an die Jahre 1989 gesprochen, in der DDR, in Prag, in Moskau, und was passiert ist, dass wir in dieser Katastrophe von 2022 landen konnten.

Vergangenheit einer Illusion ist eine doppelte Anspielung, sowohl auf „die Zukunft einer Illusion“ (ein Buch Sigmund Freuds) als auch auf „die Vergangenheit einer Illusion“, von der Francois Furet im Rückblick auf den Kommunismus sprach. Gibt es eine untergegangene Illusion von 1989? Illusionär war sicher die Idee der Hegemonie und Dominanz pluralistischer und liberaler Demokratien.

„Man hat an die Stabilität einer pluralistisch, liberalen Demokratie mehr kapitalistisch oder auch sozialstaatlich gedacht und damit war man natürlich auch blind gegenüber anderen Tendenzen, die sich schon lange in Russland aufgebaut haben. Man hat sie toleriert oder in ein Denksystem eingepasst und sich quasi zu recht gelogen und gleichzeitig ging das Interesse an diesen Ländern verloren“, so Robert Misik.

„Überspitzt formulier: Man hat für Havel gefiebert und am Ende kommt Orban heraus, weshalb man dann den Blick abwandte“, so Misik und: „Es wundert nicht, dass die damalige Fasziniertheit und Elektriziertheit etwas weggegangen ist. De facto hat man einen mentalen eisernen Vorhang wieder aufgebaut.“

„Ich habe im Gespräch mit osteuropäischen Künstlerinnen und Künstlern, mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erlebt, was es gibt, das erinnerungswert ist und dass ich da doch etwas erlebt habe, das erzählenswert ist, das erinnerungswert ist.“

Angesichts des Kriegs in der Ukraine und damit mitten in Europa – fragen wir uns, ob der Optimismus verflogen ist? Ist das die Änderung der Welt, wie sie es braucht?

Mit dem Einmarsch der russischen Armee in der Ukraine am 24. Februar ist erstmals seit Ende des 2. Weltkriegs eine militärische Auseinandersetzung in Mittel-/Zentraleuropa ausgebrochen. Mehrere Millionen Menschen sind aus dem umkämpften Land geflüchtet.

Misik sagt, „soweit wie man es begreifen kann – eine souveräne Demokratie wird von einem anderen Land angegriffen. Das spezifische jetzt, ist dass wir uns das in dieser Form nicht mehr gedacht hatten. Ein Imperium eine souveräne Demokratie überfällt. Massive Veränderung, massive Eskalation – Ein Zurückdrehen der Uhr.“

1989 etablierte sich eine neue Friedensordnung, bei der alle Rückschläge und Gewalteskalationen für die Bewohner West- und Zentraleuropas als regionale, lokale Probleme erschienen. Sowohl die Despotie als auch der Krieg schien irgendwie „weit weg“, Ordnungen von Recht und Freiheit wirkten bis in den postsowjetischen Orbit hinein gesichert. Die Hölle machte Pause. Aber saßen wir einer Illusion auf? Schien uns die Friedensordnung zu sehr gesichert, so dass wir sie verspielt haben? Waren wir „im Westen“ einfach auch zu ignorant und haben gar nicht mehr richtig hingesehen, uns nicht mehr interessiert?

„Was wir erleben werden ist das Aufgehen eines neuen eisernen Vorhangs, ein Versinken Russlands wieder in eine Despotie und Isolation. Dort werden jetzt die letzten Pflänzchen von Pluralismus und Meinungsfreiheit unterdrückt und zertreten“, so Misik.

Die Frage, die sich stellt, so Robert Misik, ist „die Frage, ob die Ukraine danach auf der einen oder anderen Seite des Eisernen Vorhangs liegen wird?“

„Der 24. Februar 2022 verdunkelt unsere ganze Zeit, er hat die Existenz verfremdet auf der einen Seite und auf der anderen Seite hat es uns sehr stark darauf hingewiesen, es hat uns in eine ernsthafte Welt zurück katapultiert. Die ganze Clownpolitik, an die wir uns im Westen gewöhnt hatten. Jetzt stehen wir wieder vor den entscheidenden Fragen, wie verteidigt man die demokratische Lebensweise. Wir sehen, das ist fast grotesk ein Comedien als Staatspräsident und ein ehemaliger Boxweltmeister erteilen uns eine Lektion in demokratischer Lebensweise und zwar auf beeindruckende Weise“, so Robert Misik. „Es liegt eine ernste Zeit vor uns, gesellschaftlich von den politischen Diskussionen als auch militärisch bis hin zu ökonomischen Fragen, die viel verändern werden.“

Nach der Zäsur von 1989 und der Zeitenwende durch Putins Angriffskrieg sind wir und der Schutz unserer Demokratien in Europa gefordert und Robert Misik meint, dass es „nie es eine bessere Werbung für die Europäische Union und die NATO wie in diesen Tagen gab. Alle wollen jetzt unbedingt in die NATO oder die Europäische Union.“

Seit 2014 zahlt die Ukraine einen hohen Preis für ihren Freiheitsdrang und ihren Glauben an die europäischen Ideale. Trotz der Angriffe, trotz der Drohungen wollen die Ukrainer zu Europa gehören. Sie zeigen uns, – für den Fall, dass wir es vergessen haben sollten – was es bedeutet, Europäer zu sein: gemeinsame Werte und eine gemeinsame Geschichte sowie die Freiheit, sein Schicksal selbst zu bestimmen.

Vaclav Havel bringt es auf den Punkt: „Solange wir um die Freiheit kämpfen mussten, kannten wir unser Ziel. Jetzt haben wir die Freiheit und wissen gar nicht mehr so genau, was wir wollen.“

Mit den sanften – und nicht so sanften – Revolutionen des Jahres 1989 setzten sich in den ost- und mitteleuropäischen Ländern Freiheit und die demokratische Lebensweise durch.

Im Herbst 89 herrschte Euphorie, viele Jahre noch Optimismus. Doch es mussten auch die Mühen der Ebene durchschritten werden, die von breiter Verarmung, hartem Strukturwandel gekennzeichnet waren, mancherort auch von einem Räuberkapitalismus und in Jugoslawien von Krieg. „Ostalgie“ kam sogar auf.

Transformation der Erinnerung – Transformation der Aufarbeitung

Was ist von den Demokratiebewegungen der Epochenwende im Ostblock 30 Jahre später geblieben? Was ist aus den damaligen Hoffnungen und Visionen geworden? Wie viel ist von dieser erkämpften Freiheit in vielen osteuropäischen Staaten übrig? Wo wird auch heute noch für diese Freiheit gekämpft? Wo sind heute neue Demokratiebewegungen sichtbar und können Europa befruchten?

Wenn wir den Blick auf die historischen Situationen werfen und konkret die gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Folgewirkungen in den Fokus nehmen uns mit den Folgen der Spaltung auseinandersetzen, den Erschütterungen, Revolutionen und Veränderungen der letzten 30 Jahre nachspüren, wo stehen wir heute?

Für Robert Misik begannen die Demokratiebewegungen „bereits 1968 und den Personen und Gruppen, die sich herausgebildet hatten. Begründer eines demokratischen Geistes. Wir schauen heute weniger unterstützend auf die demokratischen und liberalen Kräfte in diesen Ländern als wir es getan haben in der Spätphase post-stalinistischen …Diktaturen. Auch auf die Freiheitsbewegung in der Ukraine haben wir nicht richtig hingeschaut und Fäden geknüpft“. Misik blickt auf die großen „ukrainischen Stimmen, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, das Medienwesen, die Kultur, Subkultur waren und sind der Humus des politischen Pluralismus. Die Unterstützung ist die Wahrnehmung.“

„Der Fehler des Westens nach 1989 war nicht, dass wir das, was in Berlin, Prag, Warschau und Budapest geschah, als einen Triumph liberaler, europäischer und westlicher Werte feierten. Es war je genau das. Unser Fehler war, zu glauben, das sei jetzt die Norm, die neue Normalität, der Weg, den die Geschichte nehmen würde.“ Timothy Garton Ash

Die nächsten Jahre werden für die demokratische und europäische Zukunft entscheidend sein. Der Dialog der Zivilgesellschaft kann gesellschaftliche und demokratische Transformationen in den Blick nehmen und europäische Narrative neu erschaffen. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte kann eine hohe politische Relevanz für die Gegenwart haben und eine bedeutende Rolle im Kontext nationaler Narrative spielen.

„Wir sehen heute europäische Narrative die neu erzählt werden. Man muss sich dieser Geschichte erinnern und die Energie und Möglichkeiten, die da waren auch zu sehen, dass man hier einige Spuren aufnehmen kann, die wir aus den Augen verloren haben. Zu diesen Spuren könnte ein neuer energetischer Anlauf, ein neues Pathos gehören. Wir waren abgehoben und hatten ein Europa etabliert, wo die einen als echte Europäer und die anderen als Europäer zweiter Klasse behandelt wurden, wir haben uns nicht interessiert für den Reichtum der östlichen europäischen Länder“, so Misik.

Und die heutigen Narrative, „die gibt uns Putin.“

„Für Kyrill/Putin sind unsere Toleranz gegenüber Lebensentwürfen ein Genozid. Unsere Diversität gegenüber allen Lebensentwürfen. Das sind unsere Werte, das ist unsere demokratische Lebensweise. Es geht nicht nur um den Kern des demokratischen, sondern am Ende ist es eine Lebensweise und deren Stärke, und deren Energie, und deren Kraft, das zeigen uns jetzt die Ukrainer“, das Fazit von Robert Misik.

Es war ein zeitgeschichtlich spannender Abend, der in dramatischen Zeiten stattfand.

Ein Gespräch über unterschiedliche Zeitwenden mit einem Gesprächspartner, der uns die historischen Ereignisse vor 31 Jahren noch einmal lebendig vor Augen geführt hat und uns an seinen lebendigen Erfahrungen teilhaben ließ.